Von der Hoffnung, eine zentralistische Bürokratie zu dezentralem Handeln bewegen zu können.

14. April 2013 | Geschrieben in News - (0 Comments)

Tagebuch der Krankenwagenüberführung Ostern 2013

von Gerd Holl

Mittwoch, 27. März 2013, 4:30h. Wir starten pünktlich mit den beiden Krankenwagen Richtung Marseille. Der erste Frühlingsvollmond begleitet unsere Fahrt durch die bitterkalte Eifel. Bei Bitburg wird er von Morgensonne abgelöst. Die Fahrzeuge laufen gut. Sehr beruhigend, nachdem den KFZ Experten aufgefallen war, dass der VW T5 TDI bei 170.000km noch keinen Zahnriemenwechsel gehabt hatte, gut 60.000km über die Inspektionsvorschrift. Das hätte schief gehen können. Auch der Sprinter musste mit einem neuen Turbolader wiederbelebt werden. Auf dem Weg zur Zulassungsstelle hatte er schlapp gemacht. Wohl dem Verein, der ein gut funktionierendes Netzwerk hat und Menschen, die von der Wichtigkeit der Aktion überzeugt sind.

Alle Turbolenzen der vergangenen Wochen sind Vergangenheit, wir sind unterwegs: gute Sicht, keinen Stau, selbst die Durchfahrt von Lyon klappt reibungslos.

Man kann sich also immer noch auf die Franzosen und ihre Mittagspause verlassen. Und auch darauf, dass hinter den Tunneln die provencalische Sonne scheint. Und tatsächlich, es wird wärmer, die Temperaturen steigen in den zweistelligen Bereich. Gegen 18:00h liegt das Mittelmeer vor uns, davor die hellen Häuser der Hafenstadt. Es wird wuselig. Unser Hotel liegt direkt am Alten Hafen, aber wo parken? Nach einer kleinen Stadtrundfahrt durch die enge Altstadt entdecken wir eine geeignete Stelle, verkehrsgünstig & hoffentlich diebstahlsicher. Wir genießen einen entspannten Abend mit Freunden in Marseille, schlafen gut…

Marseille, Donnerstag, 28. März 2013, 8:30h…und machen uns gespannt am nächsten Morgen auf zur Fähre. Die Fahrzeuge stehen unversehrt da, wo wir sie abgestellt haben, der Fährhafen ist den Baumaßnahmen zur Kulturhauptstadt zum Opfer gefallen und jetzt weiter draußen. Um 11:00h werden wir verladen und haben die nächste Etappe geschafft. Wir sind an Bord! Bis Tunis kommen wir jetzt auch! Leider ist das Wetter nicht schön, Marseille verabschiedet sich mit Regen und Wind. Wir freuen uns über den guten Artikel in der WZ, den Michael schon eingescannt und gemailt hat. Dabei entdeckt Dietmar eine aktuelle Mail von Frau Dr. Abidli. Sie sitzt seit drei Tagen in Tunis im Gesundheitsministerium und hat den starken Eindruck, dass wir die Fahrzeuge in Tunis nicht frei kriegen. Wir rufen an, lassen uns die Telefonnummer der zuständigen Sachbearbeiterin geben. Kein Gedanke an eine unkomplizierte Abwicklung der notwendigen Formalitäten. Wer hat da was verpennt? Mit etwas Nachdruck – Mohamed spricht ja Gott sei Dank Arabisch – können wir erreichen, dass jemand vom Gesundheitsministerium morgen im Hafen sein wird und uns beim Zoll erwartet. Wir haben den Rest der Schiffsreise wieder großes Kopfkino. Es bleibt spannend, auch wenn das Leben an Bord sehr entspannt und schon fast luxuriös abläuft. Der große Mond steht hell am sternenklaren Himmel.

Karfreitag, 29. März 2013, 8:00h. Wir treffen uns am Frühstückstisch, strahlend blauer Himmel, die Küstenlinie Tunesiens ist am Horizont zu erkennen. Was kann uns bei einem solchen Empfang denn überhaupt noch passieren? Die Fähre legt pünktlich an, unsere Krankenwagen stehen an Ort und Stelle auf dem Fahrzeugdeck und springen sofort an. Wir reihen uns in das Chaos des Ausschiffens ein. Tatsächlich, an Land werden wir von einer freundlichen jungen Dame des Gesundheitsministeriums, Sarra, begrüßt, offensichtlich überrascht, dass wir wirklich mit zwei gut aussehenden Fahrzeugen nach Tunesien gekommen sind. Vor dem Zoll haben wir keine Angst, denn in tagelanger akribischer Kleinarbeit hat Michael schon in Deutschland alle Formalitäten erledigt und war von Pontius zu Pilatus und wieder zurück gelaufen. Die „Sonderrechtsanlage“ (spricht Blaulicht) war TÜV gerecht entfernt worden (aber so, dass sie in Tabarka auch wieder in Betrieb genommen werden konnte), wir hatten eine EORI Nummer, Zollnummernschilder, die „Abstammungsurkunde“ von VW für den jungen Krankenwagen, die notwendigen Ausfuhrpapiere für das Wirtschaftgut, Spendenbestätigungen, Fahrzeugpapiere, Versicherungen, alle Stempel, Siegel und Plaketten… . Sogar die zukünftige Beschriftung der Krankenwagen – arabisch und französisch – hatten wir drucken lassen, aber wegen der Kälte noch nicht aufbringen können.

Aber irgendwie rückt es nicht. Am Zoll ist offensichtlich nichts vorbereitet. Niemand weiß über unsere Ankunft Bescheid. Durchfahren nach Tabarka, kein Gedanke daran. Dafür müsste vom Gesundheitsminister ein Privilège ausgestellt sein. Jetzt wird es kompliziert, Mohamed auf Arabisch, die andern auf Französisch, irgendwie machen wir deutlich, dass wir nicht daran denken, die Fahrzeuge im Zollhafen stehen zu lassen, wir haben ja alle Papiere schon vor einer Woche ins Ministerium gemailt.  Es nutzt nichts, wir müssen die Wagen in ein Magazin fahren, dann ins Gesundheitsministerium und uns um die notwendige Freigabe kümmern. ‚Wir setzen uns im Ministerium zusammen‘, erklärt uns die freundliche Dame vom Ministerium. Vor dem Zollhafen treffen wir auch Dr. Fatma, die froh ist, uns zu sehen, aber irgendwie auch ein bisschen entmutigt wirkt. Sie verhandelt schon drei Tage mit dem Ministerium und eine Entscheidung kann erst getroffen werden, wenn die Originalpapiere vorgelegt werden können. Noch haben wir die Hoffnung, dass wir gegen 14h im Konvoi nach Tabarka aufbrechen können: Originale vorlegen, Stempel drauf und ab.

Fahrt in die volle Innenstadt, es ist Freitagnachmittag, in Tunis sind 30.000 Teilnehmer am Sozialgipfel, mit Tempo durch enge Seitenstraßen in ein Gebäude hinter NATOdraht. An allen Eingängen bewaffnete Nationalgardisten. Man lebt ein wenig in der Angst vor Übergriffen. Der erste martialische Eindruck weicht aber schnell dem einer orientalischen Gelassenheit. Wir sitzen auf einer Amtsstube und warten auf die Abteilungsleiterin. Die sei aber noch bei einem Termin, aber um 14h… Um 15h noch keine Reaktion, nur die Auskunft, dass wir die Wagen nicht frei kriegen. Von wem und weshalb, keine Ahnung. Ständig tauchen auf dem Flur neue Gesichter auf, schauen ins Zimmer, auf uns und sind wieder verschwunden. Als wir uns zum Vorzimmer der Macht durchgesetzt haben, spüren wir den Unwillen, die Fahrzeuge für Tabarka durchzulassen. Diesen Eindruck hatte Frau Dr. Abidli schon einmal kurz gespiegelt. Die ‚Hinterwäldler‘ an der algerischen Grenze interessieren in der Hauptstadt offensichtlich niemanden. Unser Ansinnen erweckt eher Neid und Ablehnung in den Vorzimmern.  Wir machen Druck, machen deutlich, dass wir nicht vierzehn Stunden mit den Fahrzeugen nach Marseille unterwegs waren, einen ganzen Tag auf der Fähre verbracht und viel Geld investiert haben, um die Fahrzeuge beim Ministerium zu lassen, ohne die Garantie, dass sie wirklich nach Tabarka kommen. Wir machen deutlich, dass wir den Spendern gegenüber verantwortlich sind. Wir bringen die politische Karte ins Spiel und plötzlich bewegt sich etwas. Eine Tür geht auf, der Chef des Kabinetts lässt uns kurz vor und versichert uns, das notwendige Privilège umgehend auszustellen. Jetzt wird hektisch agiert, das entsprechende Formular wird gesucht. Wir verlassen das Ministerium mit dem Versprechen, morgen die Fahrzeuge vom Zoll abholen zu können.

Apropos Zoll, wir müssen die Nacht in Tunis verbringen, unser Gepäck ist noch in den Krankenwagen im Zollhafen unter Verschluss. Also zurück in den Hafen und dann ein Hotel suchen. Der Hafen ist dicht, kein Gepäck! Für zwei von uns ein déja vue, ohne Gepäck in Tunis!!!

Trotzdem versuchen wir den Abend ganz entspannt am Mittelmeer – es war Sommer in Tunis, 29°C – ausklingen zu lassen. Schade, dass die Badehosen im Zollhafen bleiben mussten. Aber morgen, ja morgen, kommen wir nach Tabarka, ganz bestimmt. Sonst fahren wir die Wagen wieder zurück auf die nächste Fähre nach Marseille… Mme. Fatma und die unermüdlich hilfreiche Sarra vom Gesundheitsministerium wollen ja schon in aller Herrgottsfrühe die letzten notwendigen Zollstempel einholen und dann grünes Licht geben.

Tunis, Samstag, 30.März 2013, 8:00h. Heute hat Dietmar Geburtstag, wir genießen das Frühstück und freuen uns auf die Ankunft in Tabarka. Aber erst wollen wir noch an unsere Koffer im Zollhafen. Man kann ja nie wissen und eigentlich ist auch in Tunesien Wochenende. An unser Gepäck kommen wird ohne Hindernisse, dafür erreicht uns der Hilferuf von Frau Dr. Fatma aus dem Hauptzollamt. Wir sollen dringend kommen, wenn sich noch irgendetwas bewegen soll.

Taxi, Tunis Innenstadt, Hauptzollamt, 11:00h. Der Wartesaal ist ziemlich leer, eine ziemlich verzweifelte Doktorin und eine lösungsorientierte Sarra. Der letzte Stempel fehlt, die zuständige Person ist in einer Besprechung. Es sieht nicht mehr so aus, als würde diese Besprechung heute noch enden. Sarra will persönlich dafür bürgen, mit ihrer Privatadresse und ihren Ausweisdaten, dass die Fahrzeuge wirklich nach Tabarka kommen. Dafür kann man sie knutschen, aber wir wollen noch nicht aufgeben. Mohamed engagiert sich. an. Die „Drei Sterne Zöllnerin“ hat zeigt wenig Neigung, sich zu bewegen. Erst nach Ziehen der ‚politischen Karte‘ bleiben wir im Spiel; sie telefoniert und kündigt ihren Vorgesetzten an. Es dauert lange, bis der kommt. Er lässt sich noch einmal alles darlegen und wird hellhörig, als er das Privilège wahrnimmt und die Anwesenheit eines deutschen Abgeordneten. Sarra geht zum x-ten Mal den kompletten Vorgang kopieren – in einen privaten Kopierladen, auf eigene Kosten, wird mit den Originalpapieren ins Zentrum den Zollbehörde vorgelassen und kommt – es ist längst Weekend – strahlend mit allen notwendigen Stempeln und Formularen und der Gewissheit wieder, dass die Krankenwagen an das Krankenhaus in Tabarka ausgeführt werden dürfen. Nur in den Zollhafen kommen wir heute nicht mehr: Weekend!!!

Also improvisieren wir die Übergabe der Fahrzeuge virtuell vor dem Zollamt: Einen Satz Schlüssel an

Sarra, die sich vor Ort um die letzten Formalitäten kümmern wird und einen Satz Schlüssel an Frau Dr. Fatma Abidli, – Ärztin am Krankenhaus von Tabarka und Vorsitzende unseres Partnervereins ADAK – als Vertreterin des rechtmäßigen Empfängers: Hôpital de Tabarka.

Wir gehen im Hafen noch gemeinsam essen. In Tabarka haben die Jugendlichen des Austauschprogramms für Dietmar einen Geburtstagskuchen gebacken. Da er diesen nun nicht genießen kann, besorgt man im Restaurant noch schnell eine Torte. Liebevoll!!

Wir können allerdings das EKG Gerät schon mit nach Tabarka geben, das hatten wir in Dietmars Koffer gepackt und der ist ja nicht mehr unter Zollverschluss. Immerhin! Und Fatmas Augen strahlen!

Tunis, Ostersonntag, 31.März 2010, 9:30h. 

Wenn alles nach Plan gegangen wäre, säßen wir jetzt schon zweieinhalb Stunden in unserem rappeligen Leihwagen, um pünktlich den Flieger nach Frankfurt zu erreichen. So ist auch schön. Wir bekommen den Frühstückstisch auf der Terrasse gedeckt und genießen die wohlig wärmende Sonne.

Trotzdem schade, dass wir nicht mit unseren Freundinnen und Freunden in Tabarka feiern konnten. 

Aber das holen wir nach. Versprochen!

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