Tabarka im Herbst 2011

Tunis im Herbst war schon gebucht, da gab es den “Tabarka e.V.” noch nicht. Wir wollten die Aufbruchstimmung im Land spüren, aber auch ganz banal den Sommer um eine Woche verlängen. Sidi Bou Said, ein Vorort der Kapitale,
hatte uns schon bei unseren früheren Besuchen fasziniert, jetzt wollten wir eine ganze Woche in diesem Kleinod verbringen. Im “Café Natte” hatten schon Paul Klee und August Macke vor 100 Jahren ihren Mokka oder wahrscheinlich den unübertroffenen Pfefferminztee geschlürft. Mackes Bilderzyklus “Die Tunisreise”  hatte unser Tunesienbild stark geprägt. Gleichzeitig waren wir in zehn Minuten bei unseren Verwandten. Nun hatten wir auch noch Tabarka im Reisegepäck. Spannend, 180 km über Land Richtung algerische Grenze. Mit dem geliehenen Renault Sinfonie, einer speziellen Afrikaedition des französischen Autofabrikats “übten” wir zweimal, aus dem Verkehrsmoloch Tunis Richtung Tabarka zu fahren. Das erste Mal landeten wir in Hamamed, ganz falsche Richtung. Beim zweiten Anlauf entdeckten wir die richtige Abfahrt hinter dem Flughafen: Hinweisschilder sind Zufall, Großbaustellen die Regel, detaillierte Karten gibt es keine und navitaugliche Software erst recht nicht, konventionelle Verkehrsregeln sind ein Angebot, aber keine Pflicht. Drei Stunden Fahrtzeit mussten wir einplanen und bei Dunkelheit wollten wir nicht mehr auf einer Landstraße sein, also ein ganz enges Zeitfenster.

Per e-mail hatten wir uns mit den “Freunden” in Tabarka für Mittag verabredet, nichts Offizielles, nur “Guten Tag” sagen, versichern, dass wir in Wuppertal zu unserm Wort standen und wirklich einen Freundschaftsverein ins Leben gerufen haben.
Frühmorgens waren wir gut unterwegs und erlebten in jeder Gemeinde mitten auf der Straße den Wochenmarkt. Wenn wir denn Zeit gehabt hätten, wäre das schon die Reise Wert gewesen, zumal wir kulturelle Hochburgen passiert haben, wir waren aber verabredet im “Café des Andalouses” in Tabarka.
Und dann war es doch ein “Staatsbesuch”. Naiv, zu denken, man könnte im Orient “mal eben so vorbeischauen”. Die Vereinsspitze des “ADAK” erwartete uns in der neu bezogenen Geschäftsstelle, volles Programm: PowerPointPräsentation der Region mit ihren touristischen Reizen und ihren aktuellen Problemen, politische Diskussion – gut, dass das Französische sich in den letzten Tagen wiederbelebt hatte – messerscharfe Analyse der möglichen Koalitionen in der verfassunggebenden Versammlung (die Wahlergebnise waren noch nicht bekannt). Anschließend herzliche Einladung zum gemeinsamen Mittagessen und da man unter Lehrerinnen und Lehrern war eben auch herzlicher pädagogischer Austausch. Anschließend der Spaziergang am traumhaften Hafenpanorama entlang und wieder zurück in die Geschäftsstelle. Hier wurden noch einmal eindringlich die Probleme und die Erwartungen formuliert.

Und dann wären wir gerne noch geblieben, denn aus den “Freunden” waren liebenswerte Menschen geworden, mit denen wir gerne noch lange weiter gequatscht hätten.

Es war stockfinster, als wir schließlich wieder Tunis erreicht hatten. Manchmal waren uns LKWs ohne Licht entgegen gekommen, vor uns waren Eselkarren gezuckelt oder aber eine ganze Familie auf einem Moped: Papa vorne, Mama hinten, dazwischen zwei Kinder und am Lenker der Wocheneinkauf.

Gerd Holl